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„Virtuelle Dienstreisen“: Wie Klimakrise und Pandemie ein Umdenken befördern

Die Corona-Pandemie setzt das Leben vieler Menschen weltweit auf „Stopp“. Als ich deswegen auch meine gemeinsame Dienstreise mit meiner Kollegin Almute Heider nach Indien absagen musste, war ich ziemlich traurig. Aber wir entdeckten schnell, dass wir bei MISEREOR das Glück haben, viele unserer Aufgaben mit digitalen Möglichkeiten weiterführen zu können. Statt der Dienstreise mit dem Flugzeug haben wir uns mit mehreren Partnern zu Video-Meetings verabredet und konnten unsere Erfahrungen austauschen. Schwerpunkt unserer ersten „digitalen Dienstreise“ waren nachhaltige Klimaschutzprojekte.

virtuelle Dienstreise nach Indien
„Digitale Dienstreise“ mit dem Schwerpunkt nachhaltige Klimaschutzprojekte: „Statt der Dienstreise mit dem Flugzeug haben wir uns mit mehreren Partnern zu Video-Meetings verabredet und konnten unsere Erfahrungen austauschen.“ © Ralph Allgaier / Misereor

Energieprojekte in Indien

Wir wollten unbedingt erfahren, wie die von MISEREOR geförderten Energieprojekte laufen. Was klappt gut? Welche Organisationen arbeiten an ähnlichen Fragen? Welche Rolle spielen Förderprogramme der indischen Regierung? Denn vor allem im Ausbau von Solarenergie ist Indien im weltweiten Vergleich Beachtliches gelungen. In Indien nutzt mehr als die Hälfte der Bevölkerung Holz, Holzkohle oder Reststoffe aus der Landwirtschaft zum Kochen. Doch wenn auf offenem Feuer gekocht wird, macht der Rauch krank. Vor allem Frauen und Kinder leiden unter Atemwegserkrankungen, oder Augenerkrankungen. Wir haben mit mehreren Partnerorganisationen über ihre Erfahrungen mit der Einführung von Alternativen zu den traditionellen Kochweisen gesprochen.

Biogasanlagen als Alternative

Wo für viele Menschen gekocht wird, kann sich eine Biogasanlage lohnen, um die Unmengen an Holz fürs Kochen zu ersetzen. Feuerholz für Großküchen kann nicht mehr gesammelt werden, sondern die Einrichtungen müssen es kaufen. In einer Schule für Kinder indigener Gemeinschaften hat ECONET den Bau einer Biogasanlage unterstützt. Die Schule befüllt die Anlage sowohl mit Lebensmittelabfällen aus der Küche, aber auch mit zusätzlichen organischen Abfällen, die aus dem Dorf geliefert werden. Und ganz „nebenbei“ wird die Funktionsweise der Biogasanlage in den Schulunterricht eingebaut. Aus Klimaschutzsicht ist klar: der Holzverbrauch fürs Kochen muss zurückgehen. Für Haushalte in ländlichen Regionen ist die traditionelle Biomasse oft die preisgünstigste Energie. Aber für Großküchen gilt das nicht. ECONET hat mit der Adivasi-Schule errechnet, dass die Kosten für 80 bis 90 Tonnen Feuerholz im Jahr Kosten von 5 Mio. Rupien (etwa 57.000 Euro) verursachen. Dieses Geld kann besser in die Gehälter für Lehrerinnen und Lehrer oder Schulbücher investiert werden!

Solarpanel in Andhra Pradesh Indien
„Im Ausbau von Solarenergie ist Indien im weltweiten Vergleich Beachtliches gelungen.“ © CHAI Indien

Solar macht Energieversorgung sicher

Bei den Begegnungen mit unseren Partnerorganisationen wird es immer dann besonders interessant, wenn wir uns nicht nur in den Büros treffen, sondern wirklich sehen, was armgemachte und benachteiligte Menschen in den jeweiligen Projekten unternehmen können. Unsere Partnerorganisation Seva Kendra Calcutta bildet im Bundesstaat Westbengalen Menschen darin aus, Solarlampen zu montieren und zu verkaufen. Für unser Online-Gespräch waren auch drei der Solarproduzentinnen in die Büroräume von Seva Kendra nach Kalkutta gekommen, um von ihren Erfahrungen zu erzählen. Sie sind in Produktionsgruppen organisiert und verkaufen vor allem Solarlampen in einer Gegend, in der Netze für die Stromversorgung instabil sind. Hinzu kommen häufige Tropenstürme, die das Stromnetz und andere Infrastruktur regelmäßig zerstören. Als Hilfe in der Not dienen die Solarlampen. Mit diesen können die Menschen nach einem Wirbelsturm sich wenigstens mit einer kleinen Lichtquelle behelfen.

Die MISEREOR-Partnerorganisation Seva Kendra Calcutta bildet im Bundesstaat Westbengalen Menschen darin aus, Solarlampen zu montieren und zu verkaufen. © Seva Kendra Calcutta

Die Pandemie zwingt zum Umdenken

Im Gespräch mit unserer Partnerorganisation Swayam Shikshan Prayog (SSP) berichten zwei Frauen aus dem Bundesstaat Bihar von ihren erfolgreichen Kleinunternehmen, die sie mit dem Handel mit Solarprodukten aufbauen konnten. SSP fördert ausschließlich Frauen als Solartechnikerinnen sowie -händlerinnen und möchte so einen Einstellungswandel herbeiführen. In einer Region, wo Frauen vor allem für den Haushalt zuständig sein sollen, brauchte es viel Überzeugungsarbeit in den Familien, damit sie damit starten konnten. Doch jetzt ist der Verdienst von bis zu 500 Euro im Monat ein wichtiger Beitrag zum Familieneinkommen.

Wir müssen neue Wege gehen, um mit unseren Partnern im Globalen Süden in engem Austausch zu bleiben.

Kathrin Schroeder

Die Corona-Pandemie hat ihr Geschäft deutlich verändert. Früher haben sie die solarbetriebenen Lampen und Geräte in ihren kleinen Lädchen angeboten oder sind von Haus zu Haus gezogen, um die Lampen zu-verkaufen. Im strengen indischen Lockdown ist SSP mit seinen Unternehmerinnen auf digitale Kommunikation umgestiegen und hat mit einem indischen Digitalunternehmen einen Onlineshop entwickelt. Die Frauen können nun ihre Verkäufe über ihre Smartphones abwickeln, Werbung für ihre Produkte bringen sie per Messenger-Dienst und Chat-Gruppen an ihre Kundschaft.

Neben den Partnerorganisationen werden auch wir durch die Pandemie zum Umdenken gezwungen. Wir müssen neue Wege gehen, um mit unseren Partnern im globalen Süden in engem Austausch zu bleiben. Das Instrument „digitale Dienstreise“ erscheint uns dafür hilfreich. Und ein weiterer positiver Effekt sind die CO2-Einsparungen: Durch die weggefallenen Flüge konnten nach unseren Berechnungen etwa fünf Tonnen CO2 pro Person eingespart werden. Der durchschnittliche Pro-Kopf-Ausstoß von CO2 in Deutschland beträgt laut Bundesumweltamt 10,4 Tonnen pro Jahr. Wir hätten damit die Hälfte unseres durchschnittlichen Jahresausstoßes bereits durch diese eine Reise erreicht.

Unser Fazit

Aspekte, die sonst eine „echte“ Reise ausmachen – der „sinnliche“ Eindruck der verschiedenen Orte, der direkte Kontakt mit den Zielgruppen, ein persönlicher Austausch mit Mitarbeitenden der Partnerorganisationen – von Angesicht zu Angesicht –, all das wird auf einer virtuellen Dienstreise erschwert oder ist unmöglich. Aber die inhaltlichen Fragen ließen sich unseres Erachtens gut „von Bildschirm zu Bildschirm“ diskutieren. Es stimmt, eine echte, physische Reise mit echten Begegnungen wäre toll gewesen. Aber wir konnten mit unseren Partnerorganisationen spannende und intensive Gespräche führen, in denen wir viel über die Praxis in den Energieprojekten gelernt haben.


Geschrieben von:

Kathrin Schroeder ist MISEREOR-Referentin mit dem Schwerpunktthema Energie.

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